Wer hätte das
gedacht... Vorgestern bimmelte beim Telefon ganz unvermittelt. Da
es schon später Nachmittag in Neuseeland war, schieden sofort
Anrufer aus Deutschland aus. Stattdessen meldete sich eine nette
Frauenstimme: "Am I talking to Mr... err... Thomas Mattern?"
"Yes, that's me", entgegnete ich.
"Hi, this is Maggie from Baggage Services at Christchurch Airport.
We've got a... err..." - sie stockte kurz ungläubig, bevor
sie fort fuhr - "...yup, that's what it is... a boot that apparently
belongs to you."
Ich war doch ein wenig baff. Da hat sich mein verlorener Wanderstiefel
in Singapur einfach so, ohne meine Erlaubnis aus dem Staub gemacht.
Und hat dann tatsächlich die Traute nach einer Woche einfach
so wieder aufzutauchen. Ich muss zugeben, dass ich doch entzückt
war. Ich erklärte Maggie, dass ich in den nächsten Tagen
sowieso nach Christchurch kommen würde, um meine Luftfracht
in Empfang zu nehmen und versprach, dann auch gleich meinen verlorenen
Stiefel in Empfang zu nehmen.
Die Strecke von Oamaru nach Christchurch, mehr oder weniger der
Pazifikküste folgend, gehört sicherlich zu den unspektakulärsten
Routen in ganz Neuseeland. Plattes Land, kilometerlange zu eckigen
grünen Mauern gestutzte Baumreihen als Windstopper, schmucklose
kleine Ortschaften. Nur ab und an kann man im Westen die Silhouette
der Südalpen am Horizont ausmachen, bevor einem diese britisch
korrekt beschnittenen Bäume wieder die Sicht rauben. Der Highway
1 - auch eher ungewöhnlich für Neuseeland - führt
die meiste Zeit schnurstracks geradeaus, keine Kurve, keine grünen
Hügel zu umfahren. Das Wetter war grau und kalt. Die 3½
Stunden bis Christchurch zogen sich wie Kaugummi, der unter der
Sohle kleben bleibt.
Es war bereits nach Mittag, als ich ins Domestic Terminal des Airports
Christchurch trabte. Maggie reichte mir den Stiefel über die
Theke. Das gute Stück war in mehrere Plastiktüten eingeschweißt.
Ich konnte trotzdem erkennen, dass der Stiefel so sauber wie nie
zuvor war. Der neuseeländische Zoll hatte ganze Arbeit geleistet,
auch jeden Krümel europäischer Erde, die kleinste Spore,
die winzigste Bazille und überhaupt jedes potenziell ungesundes
Molekül von meiner Gehhülse zu entfernen.
Ich erledigte meine Frachtahngelegenheiten. Ich musste zwar zur
erst einen Hürdenlauf durch drei verschiedene Behörden
unternehmen, doch im Gegensatz zum deutschen Zoll, war die Sache
ziemlich schnell gegessen. Keine Stunde brauchte ich um alle relevanten
Stempel zu organisieren und meine Fracht in Daves Auto verstauen
zu lassen.
Einige Besorgungen mussten noch in Christchurch selbst erledigt
werden (ja, man muss in Neuseeland zum Teil enorme Distanzen zurücklegen,
was man bei uns im Laden um die Ecke kaufen kann). Ich parkte unweit
des Denkmals zu Ehren des Antarktis-'Helden' Captain Robert F. Scott
(die meisten Kiwis denken, das Scott ein ziemlicher Depp war, der
bei seinem Versuch den Südpol zu erreichen, blauäugig
und dilettantisch in den Tod getrampt ist). Capt. Scott stand da
im Grau des Wintertags und traurig blickte nach Süden.
Als ich den 3-Stunden-Heimweg anging, duckte sich die Sonne kurz
unter die kompakte Wolkendecke und färbte einen schmalen Streifen
über den Alpen rot. Immerhin, dachte ich...
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