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Freitag, 19. Juli 2002 Christchurch, Neuseeland

Wer hätte das gedacht... Vorgestern bimmelte beim Telefon ganz unvermittelt. Da es schon später Nachmittag in Neuseeland war, schieden sofort Anrufer aus Deutschland aus. Stattdessen meldete sich eine nette Frauenstimme: "Am I talking to Mr... err... Thomas Mattern?"
"Yes, that's me", entgegnete ich.
"Hi, this is Maggie from Baggage Services at Christchurch Airport. We've got a... err..." - sie stockte kurz ungläubig, bevor sie fort fuhr - "...yup, that's what it is... a boot that apparently belongs to you."
Ich war doch ein wenig baff. Da hat sich mein verlorener Wanderstiefel in Singapur einfach so, ohne meine Erlaubnis aus dem Staub gemacht. Und hat dann tatsächlich die Traute nach einer Woche einfach so wieder aufzutauchen. Ich muss zugeben, dass ich doch entzückt war. Ich erklärte Maggie, dass ich in den nächsten Tagen sowieso nach Christchurch kommen würde, um meine Luftfracht in Empfang zu nehmen und versprach, dann auch gleich meinen verlorenen Stiefel in Empfang zu nehmen.

Die Strecke von Oamaru nach Christchurch, mehr oder weniger der Pazifikküste folgend, gehört sicherlich zu den unspektakulärsten Routen in ganz Neuseeland. Plattes Land, kilometerlange zu eckigen grünen Mauern gestutzte Baumreihen als Windstopper, schmucklose kleine Ortschaften. Nur ab und an kann man im Westen die Silhouette der Südalpen am Horizont ausmachen, bevor einem diese britisch korrekt beschnittenen Bäume wieder die Sicht rauben. Der Highway 1 - auch eher ungewöhnlich für Neuseeland - führt die meiste Zeit schnurstracks geradeaus, keine Kurve, keine grünen Hügel zu umfahren. Das Wetter war grau und kalt. Die 3½ Stunden bis Christchurch zogen sich wie Kaugummi, der unter der Sohle kleben bleibt.

Es war bereits nach Mittag, als ich ins Domestic Terminal des Airports Christchurch trabte. Maggie reichte mir den Stiefel über die Theke. Das gute Stück war in mehrere Plastiktüten eingeschweißt. Ich konnte trotzdem erkennen, dass der Stiefel so sauber wie nie zuvor war. Der neuseeländische Zoll hatte ganze Arbeit geleistet, auch jeden Krümel europäischer Erde, die kleinste Spore, die winzigste Bazille und überhaupt jedes potenziell ungesundes Molekül von meiner Gehhülse zu entfernen.

Ich erledigte meine Frachtahngelegenheiten. Ich musste zwar zur erst einen Hürdenlauf durch drei verschiedene Behörden unternehmen, doch im Gegensatz zum deutschen Zoll, war die Sache ziemlich schnell gegessen. Keine Stunde brauchte ich um alle relevanten Stempel zu organisieren und meine Fracht in Daves Auto verstauen zu lassen.

Einige Besorgungen mussten noch in Christchurch selbst erledigt werden (ja, man muss in Neuseeland zum Teil enorme Distanzen zurücklegen, was man bei uns im Laden um die Ecke kaufen kann). Ich parkte unweit des Denkmals zu Ehren des Antarktis-'Helden' Captain Robert F. Scott (die meisten Kiwis denken, das Scott ein ziemlicher Depp war, der bei seinem Versuch den Südpol zu erreichen, blauäugig und dilettantisch in den Tod getrampt ist). Capt. Scott stand da im Grau des Wintertags und traurig blickte nach Süden.

Als ich den 3-Stunden-Heimweg anging, duckte sich die Sonne kurz unter die kompakte Wolkendecke und färbte einen schmalen Streifen über den Alpen rot. Immerhin, dachte ich...