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Donnerstag, 25. Juli 2002 Oamaru, Neuseeland
Nichts neues was unser Pinguinprojekt angeht. Wir müssen nach wie vor auf das Okay des DoC warten. Das heißt aber nicht, dass hier nichts passiert. Und was hier passiert! Gestern war ich im Institut in Dunedin, als mein Telefon bimmelte. Am anderen Ende meldete sich Jennie von der Pinguinkolonie. Ob ich wüsste wo sich Dave aufhält.
"Keine Ahnung, wieso?"
"Nun, im Oamaru Harbour ist ein ziemlich großer See-Elefant aufgetaucht."
"Ein was???"
"Ein ziemlich großer See-Elefant... also ehrlich, ziemlich groß."
"Uff... wenn ich mal nicht da bin..."
"Mach dir keine Gedanken", sagte Jen beschwichtigend, "er ist tot."

Sie erzählte mir, dass ein Trupp vom DoC in Dunedin nach Oamaru kommen würde, um den Koloss zu untersuchen und schließlich zu vergraben. Wie sich bald herausstellte, sollte dies jedoch erst am nächsten Tag (also heute) geschehen. Das gab mir die Möglichkeit heute morgen mit der Kamera bewaffnet zum Hafen herunterzutingeln, um mir das Monstrum aus der Nähe anzusehen. Ich wusste ja nicht, was dieser Tag noch für mich in petto haben sollte.

Unter der Anleitung von Kevin Pearce vom DoC in Oamaru hatte ein Bulldozer den See-Elefanten Bullen in eine abgeschiedene Ecke des Hafenbreiches geschleppt. Hier lag das Tier nun hinter einem kleinen aufgeschütteten Erdwall verborgen. Zunächst war ich beeindruckt ob der unglaublichen Größe des Biestes. Dann sah ich den Schädel und war bestürzt: der ganze Schädelbereich war Blut verkrustet, aus den unzähligen, alten Kampfnarben blubberte dunkles Blut und rann langsam über die faltige Haut und tropfte in eine gewaltige Blutpfütze auf dem schlammigen Boden. Das schlimmste waren jedoch die Augen des Tieres, die fürchterlich aus dem Kopf heraus quollen. Ab und zu waren leise Pfurzgeräusche zu hören... in den Eingeweiden des Bullen gärte es.

Kevin war gerade dabei, das Tier zu vermessen... oder vielmehr versuchte er es. Er hatte einen Vordruck vom DoC um alle relevanten Bereiche des See-Elefanten zu vermessen, doch schon bei der Längsbestimmung war Kevin alleine auf verlorenem Posten, also half ich ihm. Der Bulle war 4 Meter 70 lang, die Breite seines Hinterflippers betrug alleine 1 Meter 16. Der Brustumfang warf einige Probleme auf... wie soll man zu zweit ein fast 3 Tonnen schweres Etwas anheben, um mal eben das Maßband drunterzufädeln; wir schätzten den Umfang auf 4 Meter 10. Was für Dimensionen. "Hey, Thomas", rief Kevin von irgendwo hinter dem Fleischberg, "kannst du mir mal hier hinten helfen? Ich heb das Vieh an und du tastest mal nach dem Anus und steckst den Finger rein, damit ich weiß, ab wo ich messen muss, okay?" - Vergiss es Kev...

Auf dem kurzen Fell des See-Elefanten pappten endlos viele Entenmuscheln, eine mit Seepocken verwandte Krebsart. Viele der unglücklichen Krebstiere lebten noch, doch ihr Schicksal war mit dem Tod ihres Trägers besiegelt. "Sag mal, Kev, was denkst du, woran ist das Tier gestorben."
"Hmm, schwer zu sagen", erwiderte Kevin. "Das ganze Blut deutet drauf hin, dass er an inneren Verletzungen verendet ist; vielleicht ist er mit irgendwas kollidiert. Werden wir heute Nachmittag rauskriegen, da kommen zwei Spezialisten aus Dunedin, um den Burschen zu sezieren."
"Auf jeden Fall war er lange nicht an Land, sonst wäre er nicht mit den ganzen Entenmuschel bewachsen", entgegnete ich.

Ein paar Stunden später waren die Experten (die Namen sind mir entfallen) aus Dunedin da. Eigentlich wollte ich nur mal eben vorbeischauen. Doch Dave, der mittlerweile die Arbeit an dem Kadaver leitete, verdonnerte mich dazu, die Sektion auf Video und Foto festzuhalten. So wohnte ich fast drei Stunden den Arbeiten an dem See-Elefanten bei. Es war zum Teil haarsträubend! Im Laufe meines Studiums musste ich selbst schon Tiere sezieren, doch das größte Säugetier was mir unters Skalpell kam, war eine Ratte. Was sich mir hier im wahrsten Sinne des Wortes eröffnete, war von anderen Dimension. Nachdem die Fettschicht (Blubber) auf einer Körperhälfte des Bullen abgeflenst war, ging's an Eingemachte. Nur kurz nachdem die Leibeshöhle geöffnet war, brach eine Sturzflut schwarzen Blutes aus dem Tier hervor und Kevins Verdacht sollte sich bestätigen. Der See-Elefant war wohl tatsächlich das Opfer einer Kollision, wahrscheinlich war er auf See mit einem Schiff (einem sehr großen, sonst hätte er es wahrscheinlich versenkt) zusammen gestoßen. Im Hals- und Schädelbereich waren böse Prellungen unter der Fettschicht zu erkennen.

Kein schöner Tod. Aber immerhin musste der See-Elefant nicht seiner eigenen Obduktion beiwohnen, die war auch alles andere als schön. Und der erst Gestank, der vor dem Öffnen des Kadavers schon jenseits des Zivilrechts lag... Mir persönlich drang sich immer wieder der Vergleich mit einem Horror-Splatter Movie auf - nur mit dem Unterschied, dass ich hier nicht den Fernseher einfach ausschalten konnte, sondern das Geschnetzel fürs DoC dokumentieren sollte...

Nun... geteiltes Leid und so weiter... wer taff genug ist, kann dem Link unten zu einer die See-Elefanten-Sektion zusammenfassenden und erklärenden Dia-Show folgen...

[ Hier geht's zur minutiösen Dokumentation der See-Elefanten-Sektion ]
(Achtung: nur für Hartgesottene!!!)