Der erste Tag in Neuseeland.
Ein neues Projekt, das gleiche Land. Die gleiche Vogelgattung, eine
neue Art. Eine neue Website, der gleiche Stil. Vielleicht ein wenig
übersichtlicher. Wie dem auch sei, auf geht's mit dem Tagebuch
des Forschungsprojektes an den Snares Crested Pinguinen.
Ich habe mir einmal geschworen, nie wieder in einem Zuge von Deutschland
nach Neuseeland zu fliegen... was in erster Linie an meinen für
die Sardinenklasse der meisten Airlines unpassenden Körperproportionen
liegt. 12 Stunden kann ich so gerade noch ertragen, alles was darüber
hinaus geht, ist Qual. Deutschland-Neuseeland ist im schnellsten
Falle in 28 Stunden zu schaffen. Deswegen also immer ein Stop-Over
auf halber Strecke: Singapur. Also, Rückblende...
| Singapur - 10. bis 12. Juli 2002 |
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Wärme, hohe Luftfeuchte.
Sonne, gefolgt von sintflutartigen Regenfällen
und scheppernden Kurzgewittern, bevor die Sonne die
nassen Strassen für 15 Minuten in ein Dampfbad
verwandelt. Man nehme China, Indien, Malaysia, eine
Prise Westen und man hat einen guten Einstieg in die
Ethnologie Singapurs. Entsprechend vielfältig die
kulinarischen Genüsse des Stadtstaates... einer
der Hauptgründe dafür, dass ich hier oh so
gerne zwischenstoppe (mal ganz von den unzähligen
discountfreudigen Elektronikshops abgesehen, die das
Herz eines jeden Spielkindes höher schlagen lassen)...
Doch zunächst ankommen, nach über 12 Stunden
im Flugzeug. Und es geht gleich gut los. Singapur, Baggage
Claim, Belt 16. Ich warte auf meine Gepäckstücke...
ein Gitarrenkoffer (ausgezeichnet als "FRAGILE"),
ein Rucksack, an dem meine Wanderstiefel mit Packgurten
festgezurrt sind. Ich stehe da, entdecke meinen Gitarrenkoffer,
greife zu, erspähe kurz dahinter meinen Rucksack
und stutze... der Rucksackdeckel schlabbert offen herum
und einer meiner Wanderbotten fehlt. Einfach aus dem
Packgurt verschwunden. Weg! Nach einigem hin und her
sitze ich mit einen holländischem Ehepaar im Lost
Luggage Büro. Den Holländern sind sage und
schreibe alle Gepäckstücke abhanden gekommen.
Da macht sich mein Stiefel ziemlich harmlos aus. Doch
die Chancen, dass die beiden ihre Koffer wiederkriegen
sind, denke ich, ungemein größer, als ein
Wiedersehen mit meinem Stiefel.
Was hilft Gejammer. Ich greife mir den verbliebenen
Rest, während mir noch versichert wird, dass alles
menschenmögliche unternommen wird, um meinen Stiefel
wieder zu finden. Etwas bedröppelt ziehe ich von
hinnen. Meine Gitarre und meine Tiple (ein weiteres
gitarrenähnliches Instrument, das als Handgepäck
mitreiste) lasse ich in der Gepäckaufbewahrung
zurück und schleppe mich zu den Taxis. Wohin es
gehen soll... Chinatown, bitte Pagoda Street... oder
war es doch die Mosque Street? Na, fahren sie erst mal.
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| Singapur bei Nacht,
aus der kühle eines klimatisierten Taxis heraus
betrachtet. Eine Stadt in Bewegung. Man entdeckt immer
etwas neues; nicht weil man es zuvor noch nicht entdeckt
hat, sondern, weil es vorher noch nicht da war. Eine
Stadt im fluss, prunkvolle Wolkenkratzer, oftmals aufwendig
beleuchtet - wie ein futuristisches Disneyland. Und
überall Baukräne, neue Wahrzeichen in der
Entstehung. Der East Coast Parkway überquert die
Mündung des Singapur Rivers in die Marina Bay,
vorbei am Handelzentrum, dem Herzen des "kleinen
Tigers" Singapur; die größten und wichtigsten
Hochhäuser der Stadt sind hier in den letzten 30
Jahren aus Chinatown in die Höhe gewachsen. Das
alte Chinatown wurde aus Imagegründen "restauriert"
- nur noch wenige des alten Häuserfronten spiegeln
das "alte Chinatown" wider. Das meiste wurde
touristisch wirksam aufgepäppelt und präsentiert
sich zum Teil schrillbunt.
Entsprechend er Entwicklung kennt sich mein Taxifahrer
selbst nicht mehr aus. Die Pagoda Street ist auf einmal
eine Einbahnstrasse und er hat keine Ahnung, von wo
man in diese Strasse überhaupt hineinkommt. Irgendwann
springe ich aus dem Wagen in das Saunaklima hinaus,
schultere meinen 20 Kilo Rucksack und versuche mein
Glück zu Fuß.
Das 'Backpacker Hotel' ist dann doch auf der Mosque
Street. An der Rezeption sitzt der Chef. Ein Chinese
mit wenig Haaren auf dem Kopf, nur mit kurzer Hose bekleidet,
den Oberkörper tätowiert mit einer Kobra,
die sich vom Bauch zur die Brust hinauf windet; einem
Drachen, der über den Rücken fliegt (unter
einem unfertigen 'Sayonara' das zwischen den Schulterblättern
prangt); auf den Armen irgendwelche Kaligraphien. Wenn
der nicht Chinese wäre, würde ich ihm unterstellen,
den Triaden anzugehören; aber die sind ja japanisch...
obwohl 'Sayonara'...? Beim einchecken kommen wir ins
Gespräch. Er ist Fußballfan und mit der WM
habe ich einen wunden Punkt bei ihm getroffen: "Oh...
Cup... oh... said Spain win... but then fuck... all
shit... lost money... referee got money... believe me...
should be shot that referee... and the referee from
Italy game too... 30 bullets (also doch Triade, denke
ich bei mir)... lost money... shit... all bad"...
Fast zwanzig Minuten salbadert er von der Ungerechtigkeit
der Schiedsrichter, verlorenen Wetteinsätzen und
dem Chaos um die TV Rechte in Singapur (hier war die
WM ausschließlich im Pay TV zu sehen, woraufhin
der Absatz von Zimmerantennen in der Kabelfernsehenstadt
Singapur raketenartig in die Höhe schoss... das
indonesische Fernsehen übertrug nämlich alles
unverschlüsselt über Antenne). Ich wage nur
lächelnd mit dem Kopf zu nicken... nur nichts Falsches
sagen sonst habe ICH nachher 30 bullets im Kopf. Etwas
später ertappe ich ihn, wie er im Flur mit dem
Minihandy (die Dinger sind hier in Singapur so winzig,
dass man denkt die Leute reden mit ihrer Hand) telefoniert
und dabei einen giftig grünen Joint raucht (in
Singapur!!!)...
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Nachdem ich mein altes
Zimmer 301 bezogen habe, erst mal in der Pagoda Street
Mee Goreng mit Hühnchen und ein Tiger Bier. Die
Straßen stinken. Es ist Duriansaison. Überall
der penetrante Geruch der Aphrodisiakums-Frucht. Der
Chinese vom Nudelhaus kommt rüber, als ich mit
dem Essen fertig bin. "Hajabeslndeng Mee?"
"Öh, yes?", frage ich unsicher.
"Podola!", antwortet er zahnlos.
"Sorry?"
"Podola!"
"And what is that?", frage ich.
"Mee. Podola." Er streckt seine Hand in die
Luft und spreizt die Finger. "Podola!"
"What do you want from me?"
"Podola!!!", sagt er asiatisch höflich
aber doch mit etwas mehr Nachdruck.
'Podola', denke ich. 'Was meint der nur. Aber ich würde
gerne zahlen, wo er schon mal hier ist.' - "No,
I don't want Podola, but may I pay?"
"Yes", sagt er erleichtert.
"How much is that?"
"Podola", antwortet er und hält die Hand
auf. Und erst jetzt fällt bei mir der Groschen.
"Ach, four dollar", sage ich und drücke
ihm das Geld in die Hände, woraufhin er glücklich
von hinnen schwindet.
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Eine ruhige Nacht.
Regengeprassel weckt mich am morgen des nächsten
Tages. Ich lausche einige Minuten dem Geprassel, das
immer stärker zu werden scheint. Irgendwann klottert
es so sehr, dass ich mich entschließe mich gemütlich
umzudrehen. Plötzlich kreischt es von draußen
- Donner konnte dieses Geräusch beileibe nicht
genannt werden. Blitze flackern durch die Fensterläden,
mehrere Detonationen dröhnen aus den Wolken, die
sich zwischen den Wolkenkratzern des Handelszentrums
drängeln. Dann ist es plötzlich vorbei, so
schnell gegangen, wie es kam. Ich stehe auf.
Der Tag in Singapur steht im Zeichen des Konsums. Singapurs
Shopping Komplexe mit ihren hunderten von Elektronik,
Mode, Musik, Schnickschnack, Nippes und Trallala Läden
lockert noch jedem die Geldbörse. Ich habe zudem
noch Aufträge aus Neuseeland: Kamerablitze, Handheld
Computer und so weiter. Singapur war dereinst legendär
günstig, gerade was elektronischen Kram angeht.
Die Zeiten sind zwar vorbei... doch immer noch lohnt
es sich in Singapur einzukaufen. Und so trabe ich den
Tag durch die diversen Shopping Malls... das Funan IT
Centre, Raffles City, Ming Plaza, Ang Lim Plaza und
wie sie alle heißen. Orchard Road, DIE Shopping
Meile, eine Art Shopping-Champs-Elysee. Keine Baudenkmäler
hier, statt dessen Konsumdenkmäler. 20 Meter große
Werbeplakate der hippsten Modehäuser "Stussy",
"PePe" und was weiß ich. Konservative
Mode ist nicht zu finden. Immerhin liegt Singapur auf
der 'Grenze der guten Geschmäcker'. Asien ist dominiert
vom Schrillen: rostrot gefärbte Haare, pinkfarbene
Schlaghosen, Plateau Sandalen mit "I Love Kitty"
Motiven. Der Westen eher cool mit ausgewaschenen Jeans
(leichter Schlag) und Struwwelkopplook. Was beide Stilrichtungen
gemein haben, ist der durchweg androgyne Grundton...
kantige Männervisagen sind abgemeldet. Sorry, George
Clooney, aus modischer Sicht gehörst du zum alten
Eisen.
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Im Wirtschaftszentrum
Singapurs zeigt sich ein anderes Bild. Konservativ modisch.
Nadelstreifen, Lackschuhe, Handy mit Fernsprecheinrichtung.
Und trotz der Hitze den Schlips fast bis zur Sauerstoffschuld
zugezogen. Der Singapur River zieht die sichtbare Grenze
zwischen Hipp und Wichtig, Konsum und Wirtschaft, Preisen
und Preismachern.
Wenn es wirklich stimmen sollte, dass man in den Knast
wandert, wenn man in Singapur auf die Strasse spuckt,
dann kann das nur auf das geschniegelte, ultrasaubere
Wirtschaftszentrum, also auf die Schluchten zwischen
den Wolkenkratzern, zutreffen. Die zahlreichen Skulpturen
vor den Haupteingängen der einzelnen Hochhäuser
scheinen täglich auf Hochglanz poliert zu werden
(sofern sie nicht aus rauem Fels geklopft sind, versteht
sich). Kein Zigarettenstummel, kein Kaugummi nichts
befleckt die Gehsteige. Alles erscheint steril und man
kann sich nur schwer gegen das Gefühl des Ungezogenseins
wehren, wenn man in ausgelatschten Turnschuhen und T-Shirt
durch die edlen Architekturcanyons schreitet.
Angesichts der Temperaturen heute, freut man sich auf
der anderen Seite als schlabberig bekleideter Tourist
unterwegs zu sein. Möchte nicht wissen, wie heiß
es unter den Armani-Kutten wird, wenn die Temperatur
jenseits der 30°C Marke rangiert und zudem noch
die Schwüle des letzten Regengusses über dem
Asphalt hängt.
Nach einem Tag des Geldausgebens (größtenteils
Gott sei Dank nicht mein eigenes) erwartet mich eine
schlaflose Nacht. Der Jetlag hat mich voll im Griff.
Bis halb sechs morgens (entspricht halb zwölf nachts
MEZ) schmeiße ich mich im Bett hin und her, bis
mein Körper endlich davon überzeugt ist, dass
es Zeit zu schlafen ist. Um neun bimmelt mein Wecker,
was meinem Körper nun gar nicht gefällt...
aber was hilft's.
Etwas apathisch schleppe ich mich durch den Tag, ohne
irgendetwas Produktives zu vollbringen. Lediglich den
kulinarischen Genüssen Singapurs gebe ich mich
(wie auch schon in den vergangenen 36 Stunden) mit einigem
Elan hin... Sambalhühnchen auf Krabbenreis, Roti
Prata und Curry Soße, Dumpling Suppe (aka Won
Ton Suppe), Satay (Hühnchen und Lamm) mit Erdnuss-Soße,
Black-peppered Hühnchen und Basmatireis, und immer
wieder Tee Tarik (süßer, mit Milch aufgeschäumter
Tee). Oh ja... allein fürs Essen lohnt sich jeder
Zwischenstop in Singapur.
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Am 12. Juli ging es von Singapur aus weiter, eine kleine Ochsentour
in ausgebuchten Flugzeugen und stundenlangem Transitgewarte in Sydney
(Australien) und Auckland (Neuseeland/Nordinsel). Samstagabend,
13. Juli, erwartete mich bereits Dave Houston. Am 14. Juli fuhren
wir früh nach Oamaru, wo ich vor mittlerweile anderthalb Jahren
an den Zwergpinguinen gearbeitet habe. Und da bin ich nun. Neuseeland.
Bereit für neue Untaten... wenn ich erst mal an die Zeitumstellung
gewöhnt bin. |