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Sonntag, 14. Juli 2002 Oamaru, Neuseeland

Der erste Tag in Neuseeland. Ein neues Projekt, das gleiche Land. Die gleiche Vogelgattung, eine neue Art. Eine neue Website, der gleiche Stil. Vielleicht ein wenig übersichtlicher. Wie dem auch sei, auf geht's mit dem Tagebuch des Forschungsprojektes an den Snares Crested Pinguinen.

Ich habe mir einmal geschworen, nie wieder in einem Zuge von Deutschland nach Neuseeland zu fliegen... was in erster Linie an meinen für die Sardinenklasse der meisten Airlines unpassenden Körperproportionen liegt. 12 Stunden kann ich so gerade noch ertragen, alles was darüber hinaus geht, ist Qual. Deutschland-Neuseeland ist im schnellsten Falle in 28 Stunden zu schaffen. Deswegen also immer ein Stop-Over auf halber Strecke: Singapur. Also, Rückblende...

Singapur - 10. bis 12. Juli 2002  

Wärme, hohe Luftfeuchte. Sonne, gefolgt von sintflutartigen Regenfällen und scheppernden Kurzgewittern, bevor die Sonne die nassen Strassen für 15 Minuten in ein Dampfbad verwandelt. Man nehme China, Indien, Malaysia, eine Prise Westen und man hat einen guten Einstieg in die Ethnologie Singapurs. Entsprechend vielfältig die kulinarischen Genüsse des Stadtstaates... einer der Hauptgründe dafür, dass ich hier oh so gerne zwischenstoppe (mal ganz von den unzähligen discountfreudigen Elektronikshops abgesehen, die das Herz eines jeden Spielkindes höher schlagen lassen)...

Doch zunächst ankommen, nach über 12 Stunden im Flugzeug. Und es geht gleich gut los. Singapur, Baggage Claim, Belt 16. Ich warte auf meine Gepäckstücke... ein Gitarrenkoffer (ausgezeichnet als "FRAGILE"), ein Rucksack, an dem meine Wanderstiefel mit Packgurten festgezurrt sind. Ich stehe da, entdecke meinen Gitarrenkoffer, greife zu, erspähe kurz dahinter meinen Rucksack und stutze... der Rucksackdeckel schlabbert offen herum und einer meiner Wanderbotten fehlt. Einfach aus dem Packgurt verschwunden. Weg! Nach einigem hin und her sitze ich mit einen holländischem Ehepaar im Lost Luggage Büro. Den Holländern sind sage und schreibe alle Gepäckstücke abhanden gekommen. Da macht sich mein Stiefel ziemlich harmlos aus. Doch die Chancen, dass die beiden ihre Koffer wiederkriegen sind, denke ich, ungemein größer, als ein Wiedersehen mit meinem Stiefel.

Was hilft Gejammer. Ich greife mir den verbliebenen Rest, während mir noch versichert wird, dass alles menschenmögliche unternommen wird, um meinen Stiefel wieder zu finden. Etwas bedröppelt ziehe ich von hinnen. Meine Gitarre und meine Tiple (ein weiteres gitarrenähnliches Instrument, das als Handgepäck mitreiste) lasse ich in der Gepäckaufbewahrung zurück und schleppe mich zu den Taxis. Wohin es gehen soll... Chinatown, bitte Pagoda Street... oder war es doch die Mosque Street? Na, fahren sie erst mal.

   

Singapur bei Nacht, aus der kühle eines klimatisierten Taxis heraus betrachtet. Eine Stadt in Bewegung. Man entdeckt immer etwas neues; nicht weil man es zuvor noch nicht entdeckt hat, sondern, weil es vorher noch nicht da war. Eine Stadt im fluss, prunkvolle Wolkenkratzer, oftmals aufwendig beleuchtet - wie ein futuristisches Disneyland. Und überall Baukräne, neue Wahrzeichen in der Entstehung. Der East Coast Parkway überquert die Mündung des Singapur Rivers in die Marina Bay, vorbei am Handelzentrum, dem Herzen des "kleinen Tigers" Singapur; die größten und wichtigsten Hochhäuser der Stadt sind hier in den letzten 30 Jahren aus Chinatown in die Höhe gewachsen. Das alte Chinatown wurde aus Imagegründen "restauriert" - nur noch wenige des alten Häuserfronten spiegeln das "alte Chinatown" wider. Das meiste wurde touristisch wirksam aufgepäppelt und präsentiert sich zum Teil schrillbunt.

Entsprechend er Entwicklung kennt sich mein Taxifahrer selbst nicht mehr aus. Die Pagoda Street ist auf einmal eine Einbahnstrasse und er hat keine Ahnung, von wo man in diese Strasse überhaupt hineinkommt. Irgendwann springe ich aus dem Wagen in das Saunaklima hinaus, schultere meinen 20 Kilo Rucksack und versuche mein Glück zu Fuß.

Das 'Backpacker Hotel' ist dann doch auf der Mosque Street. An der Rezeption sitzt der Chef. Ein Chinese mit wenig Haaren auf dem Kopf, nur mit kurzer Hose bekleidet, den Oberkörper tätowiert mit einer Kobra, die sich vom Bauch zur die Brust hinauf windet; einem Drachen, der über den Rücken fliegt (unter einem unfertigen 'Sayonara' das zwischen den Schulterblättern prangt); auf den Armen irgendwelche Kaligraphien. Wenn der nicht Chinese wäre, würde ich ihm unterstellen, den Triaden anzugehören; aber die sind ja japanisch... obwohl 'Sayonara'...? Beim einchecken kommen wir ins Gespräch. Er ist Fußballfan und mit der WM habe ich einen wunden Punkt bei ihm getroffen: "Oh... Cup... oh... said Spain win... but then fuck... all shit... lost money... referee got money... believe me... should be shot that referee... and the referee from Italy game too... 30 bullets (also doch Triade, denke ich bei mir)... lost money... shit... all bad"... Fast zwanzig Minuten salbadert er von der Ungerechtigkeit der Schiedsrichter, verlorenen Wetteinsätzen und dem Chaos um die TV Rechte in Singapur (hier war die WM ausschließlich im Pay TV zu sehen, woraufhin der Absatz von Zimmerantennen in der Kabelfernsehenstadt Singapur raketenartig in die Höhe schoss... das indonesische Fernsehen übertrug nämlich alles unverschlüsselt über Antenne). Ich wage nur lächelnd mit dem Kopf zu nicken... nur nichts Falsches sagen sonst habe ICH nachher 30 bullets im Kopf. Etwas später ertappe ich ihn, wie er im Flur mit dem Minihandy (die Dinger sind hier in Singapur so winzig, dass man denkt die Leute reden mit ihrer Hand) telefoniert und dabei einen giftig grünen Joint raucht (in Singapur!!!)...

   

Nachdem ich mein altes Zimmer 301 bezogen habe, erst mal in der Pagoda Street Mee Goreng mit Hühnchen und ein Tiger Bier. Die Straßen stinken. Es ist Duriansaison. Überall der penetrante Geruch der Aphrodisiakums-Frucht. Der Chinese vom Nudelhaus kommt rüber, als ich mit dem Essen fertig bin. "Hajabeslndeng Mee?"
"Öh, yes?", frage ich unsicher.
"Podola!", antwortet er zahnlos.
"Sorry?"
"Podola!"
"And what is that?", frage ich.
"Mee. Podola." Er streckt seine Hand in die Luft und spreizt die Finger. "Podola!"
"What do you want from me?"
"Podola!!!", sagt er asiatisch höflich aber doch mit etwas mehr Nachdruck.
'Podola', denke ich. 'Was meint der nur. Aber ich würde gerne zahlen, wo er schon mal hier ist.' - "No, I don't want Podola, but may I pay?"
"Yes", sagt er erleichtert.
"How much is that?"
"Podola", antwortet er und hält die Hand auf. Und erst jetzt fällt bei mir der Groschen.
"Ach, four dollar", sage ich und drücke ihm das Geld in die Hände, woraufhin er glücklich von hinnen schwindet.

   

Eine ruhige Nacht. Regengeprassel weckt mich am morgen des nächsten Tages. Ich lausche einige Minuten dem Geprassel, das immer stärker zu werden scheint. Irgendwann klottert es so sehr, dass ich mich entschließe mich gemütlich umzudrehen. Plötzlich kreischt es von draußen - Donner konnte dieses Geräusch beileibe nicht genannt werden. Blitze flackern durch die Fensterläden, mehrere Detonationen dröhnen aus den Wolken, die sich zwischen den Wolkenkratzern des Handelszentrums drängeln. Dann ist es plötzlich vorbei, so schnell gegangen, wie es kam. Ich stehe auf.

Der Tag in Singapur steht im Zeichen des Konsums. Singapurs Shopping Komplexe mit ihren hunderten von Elektronik, Mode, Musik, Schnickschnack, Nippes und Trallala Läden lockert noch jedem die Geldbörse. Ich habe zudem noch Aufträge aus Neuseeland: Kamerablitze, Handheld Computer und so weiter. Singapur war dereinst legendär günstig, gerade was elektronischen Kram angeht. Die Zeiten sind zwar vorbei... doch immer noch lohnt es sich in Singapur einzukaufen. Und so trabe ich den Tag durch die diversen Shopping Malls... das Funan IT Centre, Raffles City, Ming Plaza, Ang Lim Plaza und wie sie alle heißen. Orchard Road, DIE Shopping Meile, eine Art Shopping-Champs-Elysee. Keine Baudenkmäler hier, statt dessen Konsumdenkmäler. 20 Meter große Werbeplakate der hippsten Modehäuser "Stussy", "PePe" und was weiß ich. Konservative Mode ist nicht zu finden. Immerhin liegt Singapur auf der 'Grenze der guten Geschmäcker'. Asien ist dominiert vom Schrillen: rostrot gefärbte Haare, pinkfarbene Schlaghosen, Plateau Sandalen mit "I Love Kitty" Motiven. Der Westen eher cool mit ausgewaschenen Jeans (leichter Schlag) und Struwwelkopplook. Was beide Stilrichtungen gemein haben, ist der durchweg androgyne Grundton... kantige Männervisagen sind abgemeldet. Sorry, George Clooney, aus modischer Sicht gehörst du zum alten Eisen.

   

Im Wirtschaftszentrum Singapurs zeigt sich ein anderes Bild. Konservativ modisch. Nadelstreifen, Lackschuhe, Handy mit Fernsprecheinrichtung. Und trotz der Hitze den Schlips fast bis zur Sauerstoffschuld zugezogen. Der Singapur River zieht die sichtbare Grenze zwischen Hipp und Wichtig, Konsum und Wirtschaft, Preisen und Preismachern.

Wenn es wirklich stimmen sollte, dass man in den Knast wandert, wenn man in Singapur auf die Strasse spuckt, dann kann das nur auf das geschniegelte, ultrasaubere Wirtschaftszentrum, also auf die Schluchten zwischen den Wolkenkratzern, zutreffen. Die zahlreichen Skulpturen vor den Haupteingängen der einzelnen Hochhäuser scheinen täglich auf Hochglanz poliert zu werden (sofern sie nicht aus rauem Fels geklopft sind, versteht sich). Kein Zigarettenstummel, kein Kaugummi nichts befleckt die Gehsteige. Alles erscheint steril und man kann sich nur schwer gegen das Gefühl des Ungezogenseins wehren, wenn man in ausgelatschten Turnschuhen und T-Shirt durch die edlen Architekturcanyons schreitet.

Angesichts der Temperaturen heute, freut man sich auf der anderen Seite als schlabberig bekleideter Tourist unterwegs zu sein. Möchte nicht wissen, wie heiß es unter den Armani-Kutten wird, wenn die Temperatur jenseits der 30°C Marke rangiert und zudem noch die Schwüle des letzten Regengusses über dem Asphalt hängt.

Nach einem Tag des Geldausgebens (größtenteils Gott sei Dank nicht mein eigenes) erwartet mich eine schlaflose Nacht. Der Jetlag hat mich voll im Griff. Bis halb sechs morgens (entspricht halb zwölf nachts MEZ) schmeiße ich mich im Bett hin und her, bis mein Körper endlich davon überzeugt ist, dass es Zeit zu schlafen ist. Um neun bimmelt mein Wecker, was meinem Körper nun gar nicht gefällt... aber was hilft's.

Etwas apathisch schleppe ich mich durch den Tag, ohne irgendetwas Produktives zu vollbringen. Lediglich den kulinarischen Genüssen Singapurs gebe ich mich (wie auch schon in den vergangenen 36 Stunden) mit einigem Elan hin... Sambalhühnchen auf Krabbenreis, Roti Prata und Curry Soße, Dumpling Suppe (aka Won Ton Suppe), Satay (Hühnchen und Lamm) mit Erdnuss-Soße, Black-peppered Hühnchen und Basmatireis, und immer wieder Tee Tarik (süßer, mit Milch aufgeschäumter Tee). Oh ja... allein fürs Essen lohnt sich jeder Zwischenstop in Singapur.

Am 12. Juli ging es von Singapur aus weiter, eine kleine Ochsentour in ausgebuchten Flugzeugen und stundenlangem Transitgewarte in Sydney (Australien) und Auckland (Neuseeland/Nordinsel). Samstagabend, 13. Juli, erwartete mich bereits Dave Houston. Am 14. Juli fuhren wir früh nach Oamaru, wo ich vor mittlerweile anderthalb Jahren an den Zwergpinguinen gearbeitet habe. Und da bin ich nun. Neuseeland. Bereit für neue Untaten... wenn ich erst mal an die Zeitumstellung gewöhnt bin.