Startseite Projekt Tagebuch Der Snares Penguin Die Snares Inseln Über das Projekt Über uns
switch to english
   
2002 Januar Februar März April Mai Juni Juli August September Oktober November Dezember
 1  2  3  4  5  6  7  8  9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 22 23 24 25 26 27 28 29 30   
 
Donnerstag, 26. September 2002 Oamaru, Neuseeland

Dem aufmerksamen Leser wird's aufgefallen sein. Diese Meldung ist mit der Ortsangabe Oamaru, Neuseeland versehen. "Seltsam", wird der Leser jetzt denken, "ich dachte die Feldarbeit auf den Snares Inseln ist seit Mittwoch im Gange." Nun, offensichtlich nicht. Und das kam so...

Dienstag morgen. Ich hatte meinen Wecker auf 4 Uhr 30 gestellt. Auf die Weise hätte ich vor unserer Abfahrt Zeit, noch einmal Email zu checken, meinen Rechner einzupacken und Kaffee zu trinken, bevor Dave und ich um 5 Uhr 30 gen Dunedin aufbrechen. Doch nicht der Wecker beendete meinen kurzen Schlaf. Es war Daves auffliegende Schlafzimmertür und seine fliegenden Schritte ins Badezimmer. Ich schielte auf die Uhr: 4 Uhr 25 - oh, noch goldene 5 Minuten! Ich drehte mich auf die Seite, als Dave gegen meine Zimmertür bollerte: "Thomas, aufstehen! Wir haben verpennt!"

Hmm? Ich schwang schwer die Beine auf dem Bett und realisierte erst jetzt, dass es bereits hell war. Ich griff mir den Wecker und traute meinen Augen nicht: das Ding war genau fünf Minuten vor dem Wecken stehen geblieben - Batterie leer! Jetzt stürmte auch ins Bad. Während wir in aller Hektik unser Zeug zusammenpackten, hörte ich Dave stöhnen: "Ich bin so ein Depp! Ich habe meinen verdammten Wecker auf 4 Uhr 30 p.m. (also nachmittags) gestellt!"

Mit anderthalb Stunden Verspätung waren wir on the road. In Dunedin hatten Melanie und Des - ein Zoologie-Doktorand, der als Fahrer einsprang - in der Zwischenzeit alle Kisten und Gerätschaften in einen Minibus und auf einen Anhänger verladen. So wären wir mehr oder weniger durchgestartet, wenn ich nicht in meinem Postfach im Institut eine äußerst nervige Notiz gefunden hätte. Ich hatte vorige Woche eine wichtige Veröffentlichung bestellt, die ich unbedingt mit auf die Snares nehmen wollte. Eigentlich hätte eine Kopie bereits am Freitag in meinem Fach liegen sollen - war aber nicht. Also dachte ich, dass sie immerhin Montag da wäre. Falsch gedacht, aber nur halb. Denn statt des Bestimmungschlüssels für die Krillarten des Southern Oceans, fand ich eine Notiz, die mir mitteilte, dass die besagte Veröffentlichung für mich in der Bibliothek bereitläge. Ich blickte auf meine Taschenuhr. Es war acht. Die Bibliothek machte aber erst um halb neun auf. Na super. Mel und Des setzten sich in Bewegung, während Dave und ich zurückblieben und die Sekunden zählten, bis es endlich, endlich halb neun war.

Ich sprintete in die Bücherei, darauf gefasst meine Kopien in die Hand gedrückt zu bekommen und das wär's. Natürlich auch das Pustekuchen! Ich bekam ein vergilbtes Heftchen in die Hand gedrückt auf dem ein riesiger Alarmgelber Aufkleber prangte: "Universitätsbestand - Nicht ausleihbar!" Ich wollte doch eh nur ein Kopie, dachte ich gehetzt und klappte das Heftchen auf. Und schon sprangen mir anderthalbmeterlange Faltseiten mit den verschiedenen Bestimmungsschlüsseln entgegen. Oh nein, wie soll man so was kopieren? Egal, muss gehen! Ich spurtete zum Kopierer und zog meinen Studentenausweis durch den Kopiererschlitz. Toll, nur noch 20 Kopien auf meiner Karte. Schiet! Ich begann zu kopieren, ein hektisches Geblätter und "Hab ich das jetzt schon"-Überprüfe. Und pünktlich zur Hälfte der ersten Faltseite ging mein Kopienvorrat zur Neige. Ich ließ alles stehen und liegen, hetzte zum Ladeterminal, zog meinen Geldbeutel aus der Hosentasche - und stellte fest, dass ich außer zwei Dollar fuffzich keinen Schilling an mir hatte. Ich friemlete das ganze Klingelgeld in den Automaten: 20 Kopien mehr. Die natürlich auch nicht reichten. Am Ende pumpte ich den Bibliothekar um 20 Cents an, damit ich wenigstens die Bestimmungsschlüssel komplett hatte.

Der ganze Akt dauerte vielleicht 15 Minuten. Endlich starteten wir durch, gen Invercargill. Es war kurz nach neun; um elf Uhr hatten wir unseren Termin beim Department of Conservation. Je weiter wir nach Süden gelangten, desto trüber wurde das Wetter. Hatten wir in Oamaru noch blauen Himmel und Sonnenschein gehabt, begrüßte uns Invercargill mit Regen und Sturmböen. Nicht die besten Voraussetzungen für einen Bootstrip zu den Snares.

Wir schafften es bis 11 Uhr 20 im DOC Büro zu sein, wo Melanie uns bereits seit einer halben Stunde erwartete. Kurz darauf begann unsere Besprechung mit Pete und Jeremy, den für die subantarktischen Inseln zuständigen DOC Rangers. Es wurde ein extrem anstrengendes Meeting. Das Zustandekommen unserer Genehmigung für die Arbeit auf den Snares, war nicht sonderlich reibungslos abgelaufen und am Ende mehr oder weniger gegen den Willen von Pete und Jeremy beschlossen worden. Darüber waren die beiden verständlicherweise nicht sehr erbaut und dementsprechend waren die beiden auch nicht unbedingt zuvorkommend, was unsere Tätigkeiten anging. Am Ende verließen alle mit einem leicht betretenen Gesichtern die Besprechung. Unsere Aktivitäten auf den Snares sind durch die strengen Regulierungen des DOCs extrem eingeschränkt und alles andere als prima. Was soll's... wir müssen das Beste draus machen denke ich.

Keine Pause nach dem Meeting. Es ging direkt weiter zum Quarantäne Zentrum wo unsere gesamte Ausrüstung penibelst untersucht wurde. Während Dave sich um dies kümmerte, fuhren Melanie und ich los, um frische Lebensmittel - also Gemüse, Brot und Fleisch - einzukaufen. Ich mag einkaufen nicht sonderlich gerne. Und mittlerweile weiß ich, dass ich Für-zwei-Monate-auf-Vorrat-Einkaufen noch weniger abgewinnen kann. Und das war ja nur das Frischzeugs... den ganzen anderen Rest hatten Mel und ich letzten Freitag in einer 3 Stunden Orgie besorgt. Im strömenden Regen und bei eisigen Temperaturen verstauten wir die Kohlköpfe, Bananenstauden und Tomatensäcke im Wagen und kamen schließlich gut durchweicht am Quarantänezentrum an. Und dort begrüßte uns Dave mit sauertöpfischer Miene. Denn die meisten unserer Kisten waren zu schmutzig, so dass es Rüffel vom DOC gab. Doch den krönenden Abschluss fand man dann in meinem Rucksack - in meinem Schlafsackfach befand sich noch 5 Gramm chilenischer Staub vom kürzlichen Besuch in Ursels Humboldtpinguinprojekt in Südamerika (Fortsetzung folgt). Und nicht nur das! Einer meiner Wollpullover war anscheinend mit vielen trockenen Grassamen durchsetzt, die Dave in einer endlosen Aktion aus dem Gewebe pulen musste. Insgesamt gesehen, wäre es geschönt, Daves Stimmung mit "etwas sauer" zu umschreiben.

Der krönende Abschluss dann bei einem Telefonat mit der Foveaux Ferry, also dem Boot, das uns zu den Snares bringen soll. "Vergesst es!", dröhnte Alan, unser Skipper, aus dem Telefon. "Wir haben 'ne 4 bis 5 Meter Dünung zwischen Bluff und Stewart Island - ich wage gar nicht zu schätzen, was für Brecher weiter südlich stehen! Ruft morgen früh noch mal an, vielleicht geht's ja dann..." Also blieben wir die Nacht mit gesenkter Laune in Invercargill, nur um am nächsten morgen dann die erwartete Botschaft zu erhalten: keine Chance. Donnerstag und Freitag fallen wegen anderer Arbeiten für die Fähre auch aus, also frühestens Samstag. Wenn das Wetter stimmt...

Bis heute stimmt das Wetter kein Stück. Die Großwetterlage ist deprimierend stabil und in der Subantarktis blasen Winde von bis zu 100 Km/h. Da ist kein Durchkommen... Trotzdem werden wir morgen noch einmal mit Alan telefonieren. Mit viel Glück, können wir es Samstagmorgen probieren. Leider Gottes, sind wir bislang aber alles andere als vom Glück verfolgt. Wer weiß, wann wir los kommen...