| Dem aufmerksamen
Leser wird's aufgefallen sein. Diese Meldung ist mit der Ortsangabe
Oamaru, Neuseeland versehen. "Seltsam", wird der Leser
jetzt denken, "ich dachte die Feldarbeit auf den Snares Inseln
ist seit Mittwoch im Gange." Nun, offensichtlich nicht. Und
das kam so...
Dienstag morgen. Ich hatte meinen Wecker auf 4 Uhr 30 gestellt.
Auf die Weise hätte ich vor unserer Abfahrt Zeit, noch einmal
Email zu checken, meinen Rechner einzupacken und Kaffee zu trinken,
bevor Dave und ich um 5 Uhr 30 gen Dunedin aufbrechen. Doch nicht
der Wecker beendete meinen kurzen Schlaf. Es war Daves auffliegende
Schlafzimmertür und seine fliegenden Schritte ins Badezimmer.
Ich schielte auf die Uhr: 4 Uhr 25 - oh, noch goldene 5 Minuten!
Ich drehte mich auf die Seite, als Dave gegen meine Zimmertür
bollerte: "Thomas, aufstehen! Wir haben verpennt!"
Hmm? Ich schwang schwer die Beine auf dem Bett und realisierte
erst jetzt, dass es bereits hell war. Ich griff mir den Wecker und
traute meinen Augen nicht: das Ding war genau fünf Minuten
vor dem Wecken stehen geblieben - Batterie leer! Jetzt stürmte
auch ins Bad. Während wir in aller Hektik unser Zeug zusammenpackten,
hörte ich Dave stöhnen: "Ich bin so ein Depp! Ich
habe meinen verdammten Wecker auf 4 Uhr 30 p.m. (also nachmittags)
gestellt!"
Mit anderthalb Stunden Verspätung waren wir on the road. In
Dunedin hatten Melanie und Des - ein Zoologie-Doktorand, der als
Fahrer einsprang - in der Zwischenzeit alle Kisten und Gerätschaften
in einen Minibus und auf einen Anhänger verladen. So wären
wir mehr oder weniger durchgestartet, wenn ich nicht in meinem Postfach
im Institut eine äußerst nervige Notiz gefunden hätte.
Ich hatte vorige Woche eine wichtige Veröffentlichung bestellt,
die ich unbedingt mit auf die Snares nehmen wollte. Eigentlich hätte
eine Kopie bereits am Freitag in meinem Fach liegen sollen - war
aber nicht. Also dachte ich, dass sie immerhin Montag da wäre.
Falsch gedacht, aber nur halb. Denn statt des Bestimmungschlüssels
für die Krillarten des Southern Oceans, fand ich eine Notiz,
die mir mitteilte, dass die besagte Veröffentlichung für
mich in der Bibliothek bereitläge. Ich blickte auf meine Taschenuhr.
Es war acht. Die Bibliothek machte aber erst um halb neun auf. Na
super. Mel und Des setzten sich in Bewegung, während Dave und
ich zurückblieben und die Sekunden zählten, bis es endlich,
endlich halb neun war.
Ich sprintete in die Bücherei, darauf gefasst meine Kopien
in die Hand gedrückt zu bekommen und das wär's. Natürlich
auch das Pustekuchen! Ich bekam ein vergilbtes Heftchen in die Hand
gedrückt auf dem ein riesiger Alarmgelber Aufkleber prangte:
"Universitätsbestand - Nicht ausleihbar!" Ich wollte
doch eh nur ein Kopie, dachte ich gehetzt und klappte das Heftchen
auf. Und schon sprangen mir anderthalbmeterlange Faltseiten mit
den verschiedenen Bestimmungsschlüsseln entgegen. Oh nein,
wie soll man so was kopieren? Egal, muss gehen! Ich spurtete zum
Kopierer und zog meinen Studentenausweis durch den Kopiererschlitz.
Toll, nur noch 20 Kopien auf meiner Karte. Schiet! Ich begann zu
kopieren, ein hektisches Geblätter und "Hab ich das jetzt
schon"-Überprüfe. Und pünktlich zur Hälfte
der ersten Faltseite ging mein Kopienvorrat zur Neige. Ich ließ
alles stehen und liegen, hetzte zum Ladeterminal, zog meinen Geldbeutel
aus der Hosentasche - und stellte fest, dass ich außer zwei
Dollar fuffzich keinen Schilling an mir hatte. Ich friemlete das
ganze Klingelgeld in den Automaten: 20 Kopien mehr. Die natürlich
auch nicht reichten. Am Ende pumpte ich den Bibliothekar um 20 Cents
an, damit ich wenigstens die Bestimmungsschlüssel komplett
hatte.
Der ganze Akt dauerte vielleicht 15 Minuten. Endlich starteten
wir durch, gen Invercargill. Es war kurz nach neun; um elf Uhr hatten
wir unseren Termin beim Department of Conservation. Je weiter wir
nach Süden gelangten, desto trüber wurde das Wetter. Hatten
wir in Oamaru noch blauen Himmel und Sonnenschein gehabt, begrüßte
uns Invercargill mit Regen und Sturmböen. Nicht die besten
Voraussetzungen für einen Bootstrip zu den Snares.
Wir schafften es bis 11 Uhr 20 im DOC Büro zu sein, wo Melanie
uns bereits seit einer halben Stunde erwartete. Kurz darauf begann
unsere Besprechung mit Pete und Jeremy, den für die subantarktischen
Inseln zuständigen DOC Rangers. Es wurde ein extrem anstrengendes
Meeting. Das Zustandekommen unserer Genehmigung für die Arbeit
auf den Snares, war nicht sonderlich reibungslos abgelaufen und
am Ende mehr oder weniger gegen den Willen von Pete und Jeremy beschlossen
worden. Darüber waren die beiden verständlicherweise nicht
sehr erbaut und dementsprechend waren die beiden auch nicht unbedingt
zuvorkommend, was unsere Tätigkeiten anging. Am Ende verließen
alle mit einem leicht betretenen Gesichtern die Besprechung. Unsere
Aktivitäten auf den Snares sind durch die strengen Regulierungen
des DOCs extrem eingeschränkt und alles andere als prima. Was
soll's... wir müssen das Beste draus machen denke ich.
Keine Pause nach dem Meeting. Es ging direkt weiter zum Quarantäne
Zentrum wo unsere gesamte Ausrüstung penibelst untersucht wurde.
Während Dave sich um dies kümmerte, fuhren Melanie und
ich los, um frische Lebensmittel - also Gemüse, Brot und Fleisch
- einzukaufen. Ich mag einkaufen nicht sonderlich gerne. Und mittlerweile
weiß ich, dass ich Für-zwei-Monate-auf-Vorrat-Einkaufen
noch weniger abgewinnen kann. Und das war ja nur das Frischzeugs...
den ganzen anderen Rest hatten Mel und ich letzten Freitag in einer
3 Stunden Orgie besorgt. Im strömenden Regen und bei eisigen
Temperaturen verstauten wir die Kohlköpfe, Bananenstauden und
Tomatensäcke im Wagen und kamen schließlich gut durchweicht
am Quarantänezentrum an. Und dort begrüßte uns Dave
mit sauertöpfischer Miene. Denn die meisten unserer Kisten
waren zu schmutzig, so dass es Rüffel vom DOC gab. Doch den
krönenden Abschluss fand man dann in meinem Rucksack - in meinem
Schlafsackfach befand sich noch 5 Gramm chilenischer Staub vom kürzlichen
Besuch in Ursels Humboldtpinguinprojekt in Südamerika (Fortsetzung
folgt). Und nicht nur das! Einer meiner Wollpullover war anscheinend
mit vielen trockenen Grassamen durchsetzt, die Dave in einer endlosen
Aktion aus dem Gewebe pulen musste. Insgesamt gesehen, wäre
es geschönt, Daves Stimmung mit "etwas sauer" zu
umschreiben.
Der krönende Abschluss dann bei einem Telefonat mit der Foveaux
Ferry, also dem Boot, das uns zu den Snares bringen soll. "Vergesst
es!", dröhnte Alan, unser Skipper, aus dem Telefon. "Wir
haben 'ne 4 bis 5 Meter Dünung zwischen Bluff und Stewart Island
- ich wage gar nicht zu schätzen, was für Brecher weiter
südlich stehen! Ruft morgen früh noch mal an, vielleicht
geht's ja dann..." Also blieben wir die Nacht mit gesenkter
Laune in Invercargill, nur um am nächsten morgen dann die erwartete
Botschaft zu erhalten: keine Chance. Donnerstag und Freitag fallen
wegen anderer Arbeiten für die Fähre auch aus, also frühestens
Samstag. Wenn das Wetter stimmt...
Bis heute stimmt das Wetter kein Stück. Die Großwetterlage
ist deprimierend stabil und in der Subantarktis blasen Winde von
bis zu 100 Km/h. Da ist kein Durchkommen... Trotzdem werden wir
morgen noch einmal mit Alan telefonieren. Mit viel Glück, können
wir es Samstagmorgen probieren. Leider Gottes, sind wir bislang
aber alles andere als vom Glück verfolgt. Wer weiß, wann
wir los kommen...
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