| Montag,
14.Oktober 2002 |
Snares Islands, Neuseeland |
Vor drei Tagen, am 11. Oktober,
begann der sogenannte "Exodus" der Snares Pinguinmännchen.
Nachdem sie zusammen mit ihren Partnerinnen die letzten 10 bis 12
Tage das Nest gehütet und die Eier bebrütet haben, gehen
die Männchen nun auf See um für die nächsten anderthalb
bis zwei Wochen ihre Fettreserven zu erneuern und soviel wie möglich
zuzulegen. Sie werden's brauchen, denn wenn sie wieder zum Nest
zurückkehren, müssen sie nicht nur das dritte und letzte
Ei-Inkubationsintervall bis zum schlüpfen der Küken ohne
Nahrung überstehen, sondern auch die gesamte Zeit des Kükenbewachungsphase.
Denn nachdem die Küken geschlüpft sind, gehen nur die
Weibchen übertags auf See um den Nachwuchs dann am Abend zu
füttern.
Das Timing der Nestablösungen zwischen Männchen und Weibchen
ist enorm wichtig - denn innerhalb der Kolonie geht es recht gewalttätig
zu. Die Männchen, die gestern ihre Partnerinnen allein auf
dem Nest zurückließen, sind unter Umständen zu früh
losgezogen. Denn der Großteil der Männchen der Kolonie
blieb noch bei Frau und Eiern. Auf den Nestern mit vorübergehend
allein stehenden Müttern beobachteten wir zum Teil dramatische
Szenen ab.
Einige Männchen umliegender Nester schienen Gefallen daran
zu finden, die Weibchen des zur Arbeit aufgebrochenen Nachbarn zu
verprügeln oder mit gewaltigen Schnabelhieben zu traktieren.
Die betroffenen Weibchen vergruben ihr Gesicht so gut es ging unter
ihrem Körper, breiteten die Flipper zur Stabilisierung aus
und ließen alles über sich ergehen - Hauptsache die Eier
rollten nicht aus dem Nest. An einigern Nestern wurden hilflose
Weibchen von bis zu drei fremden Männchen angegangen und es
flogen nur so die Federn. Ein ziemlich grausames Schauspiel. Dave
beobachtete wie ein fremdes Männchen ein einsam brütendes
Weibchen verkloppte, bis schließlich das einzige Ei aus dem
Nest gerollt war. Und das heißt... das war es für diese
Brutsaison, denn die Snarespinguine vermögen es nicht ihre
Eier wieder in ihre Nester zurückzurollen. Stattdessen stehen
sie hilflos neben ihren Eiern und fügen sich ihrem Schicksal.
Was genau diese Gewalttaten zu bedeuten haben ist unklar. Zum einen
scheint es, als ob diese Schlägereien immer damit enden, dass
das gewalttätige Männchen mit Nistmaterial von dannen
zieht. Doch in einer Zahl von Beobachtungen, schien es, als ob die
Männchen nur an der Schlägerei, nicht aber unbedingt am
Diebstahl von Nestmaterial interessiert waren.
Daher ist es auch logisch, dass die Männchen mehr oder weniger
zur gleichen Zeit auf See gehen... wenn man mit dem Nachbarn zusammen
loszieht, ist man sicher, dass der Nachbar nicht in der Abwesenheit
als Raubritter aktiv wird. |
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Nun hat der Exodus also begonnen.
In den nächsten Tagen wälzen sich endlose Karawanen von
Snarespinguinmännchen über die Modderpfade durch den Wald
dem Ozean entgegen - 13.000 Individuen die sich von den Kolonien
der Snares Inseln in Richtung Ozean aufmachen. Entsprechend Verkehr
herrscht im Wald.
Und entsprechend traten Dave und ich heute in Aktion. Wir nutzten
die Vormittage die GPS Logger zu programmieren, ein letztes Mal
zu testen und die Schaummasken, die wir in den letzten Tagen gebastelt
hatten, mit Silikon auf die knubbeligen Geräte zu kleben (und
ihnen so eine hydrodynamischere Form zu geben). Alles in allem können
wir mit den Sirtrack-GPS-Loggern aber keinen Schönheitswettbewerb
gewinnen. In den 90er Jahren gab es ausführliche Studien über
das hydrodynamische Design von Pinguinloggern und wir wissen sehr
genau, wie die Geräte aussehen sollten, um ihren Wasserwiderstand
weitestgehend zu reduzieren. Leider ist von diesem Wissen nicht
viel in das Gehäusedesign der Sirtrack-Logger eingeflossen.
Unsere Masken kaschieren die gröbsten Dellen und Haken an den
Loggern, sind aber weit von der hydrodynamisch günstigsten
Form entfernt.
Immerhin scheinen die GPS Logger zu funktionieren. Anders als unsere
Tauchcomputer. Von den 4 Tauchloggern (TDRs) haben drei leider den
Geist aufgegeben, bevor wir sie auch nur einmal einsetzen konnten.
Bei zweien (beide Wildlife Computers MK7) scheinen die Batterien
das zeitliche gesegnet zu haben, während bei dem dritten (Lotek
LTD) offensichtlich ein Hardwarefehler das Problem ist. Somit haben
wir nur einen einzigen Tauchcomputer zur Verfügung... und die
Frage ist, wie lange der mitspielt, bevor auch ihm die Batterien
ausgehen. Somit sind die GPS Logger trotz aller Widrigkeiten unser
größter Trumpf...
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Vorgestern krabbelten Dave und
ich erstmals mit den Hightech Geräten bewaffnet durch den Wald
zur Kolonie A3 um die ersten vielleicht nicht ganz freiwilligen
Probanden auszurüsten. Wir waren relativ spät am Nachmittag
aufgebrochen und es war bereits 16 Uhr, als wir den ersten Logger
auf dem Männchen aus Nest CENTRE#12 mit einem GPS Logger versahen.
Die Logger werden mit schwarzem TESA-Gewebeklebeband befestigt.
Was sich zunächst vielleicht etwas seltsam anhört, ist
jedoch die effektivste und schonendste Methode, Logger auf Pinguinen
zu befestigen. Die gleiche Methode nutzen wir schon bei unserer
Studie an Zwergpinguinen vor zwei Jahren (RealVideo
der Befestigungsprozedur: [ 56k
] - [ ISDN
] - [ DSL
]). Das Klebeband lässt sich am Ende der Testperiode relativ
problemlos vom Gefieder des Pinguins lösen.
Die GPS Logger auf den Vögeln zu befestigen dauert etwa 30
Minuten. Die ersten beiden Logger waren weniger gut angebracht:
der erste Logger saß etwas schief, der zweite Logger klebte
etwas zu tief am Rücken des Pinguins. Der dritte Logger hatte
die richtige Position, jedoch war die Befestigungsprozedur extrem
schwierig. Mittlerweile war es 18 Uhr und die Temperatur fiel auffällig.
Und - man lernt nie aus - das Test-Klebeband klebt in niedrigen
Temperaturen überhaupt nicht. Entsprechend langwierig war das
Festdrücken der einzelnen Klebestreifen. Als der dritte Logger
endlich saß, stöhnten Dave und ich - die verkrampft gebückte
Haltung während des Prozesses ist nicht unbedingt vorteilhaft
für den Rücken. Zu allem Überfluss türmte das
dritte ausgerüstete Männchen in den Wald, anstatt sich
zu seiner brütenden Partnerin zu gesellen. Folglich befürchteten
wir, dass wir ein Solomännchen ausgerüstet hatten, dass
gar nicht zu dem Nest gehörte, bei dem wir es gefangen hatten.
Was bedeutete, dass wir den GPS Logger unter Unständen nie
wieder sehen, weil der Pinguin vielleicht nicht zu dem Nest oder
in die Kolonie zurückkehren würde. Als wir schließlich
noch einen Tauchcomputer anbringen wollten, versagte das Klebeband
wegen der weiter sinkenden Temperaturen gänzlich und wir brachen
ab. Zwei unschöne Logger, ein gescheiterter Versuch, ein getürmter
Einzelgänger (?), eiskalte Finger und Rückenschmerzen.
Wir waren ziemlich brummig, als wir zur Hütte zurückkehrten. |
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| Gestern klappte alles erheblich besser.
Wir waren früher am Werk, das Klebeband klebte, die Logger saßen
am Ende alle perfekt und - Juchee!!! - der ausgebüxte Pinguin
vom Vortag, hockte auf dem Nest, an dem wir ihn gefangen hatten. Insgesamt
haben wir also 6 GPS Pinguine und einen TDR Pinguin. Jetzt heißt
es warten, dass die Kerle auf See gehen und eine Woche oder zwei später
- mitsamt den Loggern! - wieder zu ihren Nestern zurückkehren,
damit wir die Daten aus den Geräten auslesen können. Denn
wenn wir die Geräte nicht wiederkriegen... haben wir nicht nur
mehrere tausend Dollar im Meer versenkt, sondern auch keine Daten.
Aber - wird schon schief gehen. |
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