Draussen stürmt es. Seit
ein paar Tagen haben wir recht raues Wetter hier auf den Snares.
Immer wieder klottern heftige Regenschauer von einem tiefgrauen
Himmel, der kurz darauf von strahlendem Sonnenschein verdrängt
wird, bevor ein weiterer Sturzbach vom Himmel fällt. Unsere
Hütte wird von plötzlichen Böen geschüttelt,
dass die Balken krächzen. Der Wind kommt an jedem Tag aus einer
anderen Richtung. Besonders Ostwinde rauben uns nächtens den
Schlaf. Diese schmettern eine enorme Brandung an die Küste,
die den Boden (und die Hütte) erbeben lässt. Ungeachtet
dieser Killersee, kommen die Pinguine wie an der Perlenschnur aus
dem brodelnden Wasser geflogen. Ein wirklich unglaubliches Schauspiel,
die Vögel bei der Landung zu beobachten... wenn auch nicht
ganz ungefährlich für den Betrachter. Es ist, als wollten
uns die roaring forties so richtig zeigen, wo der Hammer
hängt. Genau die Art von Wetter die wir brauchen, um noch bis
zum Sanktnimmerleinstag hier auf den Snares zu sitzen. Denn eigentlich
wollten wir dieses Wochenende bereits wieder zu Festland zurück.
Das fiel ins Wasser, weil die Foveaux Ferry im Trockendock liegt.
Bei dem Wetter, hätte das Boot eh nicht kommen können.
So ist unsere Rückreise jetzt für kommenden Dienstag (12.
November) geplant. Doch es scheint, als hätte das Wetter etwas
dagegen... warten wir's ab.
Sämtliche unserer Loggereinsätze sind gescheitert. Unsere
Stimmung war ja schon in Anbetracht der enttäuschenden Leistung
der hi-tech GPS Logger (die sich eher als hi-ungeeignet erwiesen)
ziemlich im Keller. Als dann der TDR Pinguin nicht nach Hause kommen
wollte, bekamen wir Magengrimmen. Unser letztes bisschen Hoffnung
stürzte dann so richtig in abyssale Tiefen, als die Partnerin
unseres TDR Pinguins die Schnauze von brutalen Nachbarn voll hatte
und ihr Nest aufgab. Was die Wahrscheinlichkeit, dass der TDR Pinguin
- falls er denn je zurückkehrte - bei seinem (nun leeren) Nest
verweilen würde, beachtlich reduzierte. Mit anderen Worten:
vielleicht würden wir den Vogel nie mehr zu Gesicht kriegen.
Und mit ihm unseren Logger. Mal ganz davon abgesehen, dass auf diesem
Logger möglicherweise die einzigen verwertbaren Daten des Projektes
zu finden wären.
Umso aufgeregter waren wir, als der TDR Vogel eines Tages doch
an seinem leeren Nest auftauchte - mit seiner kostbaren Fracht.
Aber, was soll ich sagen... auch unser einzig 'funktionierender'
Tauchcomputer versagte den Dienst. Das Gerät hörte auf
Daten aufzuzeichnen, bevor der Vogel auf See gegangen war. Das war's
dann.
Nun ja... ganz ohne etwas kommen Dave und ich nicht nach Hause.
Da sind schließlich noch die Magenproben... Wir fingen einige
unglückliche Pinguine in der Landungszone, und spülten
ihnen den Magen mit Wasser aus, damit wir anschließend das
Erbrochene sortieren und analysieren können. Zweck der Übung,
ist herauszufinden wie die Nahrung der Snares Pinguine zusammengesetzt
ist. Alles in allem eine überaus scheußliche Sache, die
weder den Pinguinen noch Dave noch mir gefällt. Um ehrlich
zu sein... wir hassen es und haben uns geschworen die Magenspülungen
nie wieder zu machen. Die Magenspülungen sind extrem stressig
für die Vögel (denen Dave einen Schlauch in den Magen
einführt), für Dave (dem die Pinguine die Finger zerbeißen)
und für mich (der diesen ganzen Schlamassel zu verantworten
hat).
Wenn die ganze Prozedur nun aber so fürchterlich für
alle Beteiligten ist... wieso machen wir's dann überhaupt?
Weil es nicht nur wichtige Erkenntnisse über die Biologie der
Pinguine liefert, sondern vielmehr auch harte Fakten darstellt,
die unter Umständen nicht nur den Pinguinen zugute kommen.
Die Snares Inseln mögen zwar so genannte "Minimum Impact"
Inseln sein. Der Hauptlebensraum der Snarespinguine (und vieler
anderer Seevogelarten) ist aber das Meer - und das lässt sich
eher als "Maximum Impact" Zone beschreiben, denn wie überall
auf der Welt, übt auch die neuseeländische Fischerei einen
enormen Druck auf das Ökosystem Meer aus. Um zu erkennen, ob
die Fischerei einen negativen Einfluss auf die von den Pinguinen
benötigten Ressourcen hat oder haben könnte, ist es notwendig
in Erfahrung zu bringen, wie sich diese Ressourcen zusammensetzen.
Alles in allem haben wir 24 Vögel ihres Mageninhaltes beraubt.
Wir hatten die Genehmigung für 30 Pinguine, doch weder die
Pinguine noch Dave noch ich sind enthusiastisch genug unser Pensum
voll auszuschöpfen... was wir haben reicht. Es reicht zum Beispiel
um festzustellen, dass sich fast zwei Drittel (60%) der Nahrung
aus einer einzigen Krillart (Euphausia lucens) zusammensetzt,
während die sich der Rest nahezu gleichmäßig auf
Cephalopoden (Tintenfisch) und Fisch verteilt (jeweils 20%). Kurioserweise
dominiert bei den Fischen eine bestimmte Art von Seenadeln (Syngnathidae).
Das Kuriose daran ist, dass Seenadeln keine pelagischen Fische sind
- also Fische, die im offenen Ozean vorkommen -, sondern eher im
benthischen (bodennahen) Bereich zu finden sind (sie sind keine
guten Langstrecken-Schwimmer). Da wir jedoch keine 400 Meter entfernt
der Snaresküsten bereits Tiefen jenseits der 100 Metermarke
haben, scheint es, als ob die Pinguine die Seenadeln in den Küstengewässern
der Inseln fangen; die Küstenlinie der Snares macht aber gerade
mal 10 Km aus. Mit anderen Worten entweder wimmelt es rund um die
Snares nur so von Seenadeln oder... nun... bis dato fällt uns
kein 'oder' ein... das ist ja das Kuriose! |
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