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3. Tag - Die Brücke im Wald    Samstag, 11. Oktober 2003, Snares   
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Ursel befestigt die Lichtschrankensensoren

Tag drei. Fast den ganzen Vormittag verbringen wir drei in unserer Labor-/Vorratshütte (in der Dave zudem im winzigen Schlafraum sein persönliches Reich hat). Während Dave hier sägt, dort bohrt und schraubt, beschäftigen Ursel und ich uns mit den Lichtschrankensensoren und der Bordelektronik unserer Wägebrücke. Die Wägebrücke funktioniert so: die Präzisionswaage (die in dem Holzgestell eingelassen und unter weiteren Holzrampen und -schalen vor Schalmm un Wasser geschützt ist) sendet über ein Computerkabel ihre Daten online an unseren Wägebrückenrechner, der die Daten direkt in eine Datei schreibt. Die Waage sendet ca. 12-14 Messungen pro Sekunde an den Rechner. Die Messungen sind natürlich nicht die tatsächlichen Gewichte, das die Waage ja zunächst einschwingen muss. Ein Pinguin, der über die Waage watschelt braucht etwa 2 bis 3 Sekunden. Dementsprechend bekommen wir also zwischen 36 und 42 Messpunkte pro Pinguin, die eine Gewichtskurve ergeben. Die Oberwerte dieser Kurve liegen dann nahe dem tatsächlichen Gewicht des Vogels.

Damit wir wissen, ob der gerade vermessene Pinguin nun mit vollem Magen aus dem Wasser gekommen ist oder hungrig auf See gehen will, müssen wir efahren, in welcher Richtung er sich über die Wägebrücke bewegt hat. Da kommen dann die Lichtschrankensensoren ins Spiel. Die Sensoren arbeiten über einen batteriegetriebenen Logger, der wiederum über ein zweites Computerkabel an unseren Wägebrückenrechner angeschlossen ist. Somit können also Gewichte und Lichtschrankenereignis parallel vom Rechner aufgezeichnet werden.

Soweit die Theorie. Als wir so sägend, schraubend, friemelnd und programmierend in der Hütte hocken, tun sich etliche feldarbeitstypische Probleme auf. Zunächst ist der Wägebrückenrechner, den Dave aus dem DOC Fundus gekramt hat, zwar mit zwei COM-Ports ausgestattet (was seltenheitswert hat), doch leider zum Preis einer halbdefekten Tastatur und einer nur sporadisch funktionierenden Trackballs. Da beide COM-Ports für die Waage belegt sind, lässt sich auch keine externe Maus anschliessen. Folglich wird das Programm-bedienen auf dem Windows Rechner zu einem Geduldsakt. Als endlich alle Kabel angeschlossen sind und der Rechner läuft, machen die Lichtsensoren Ärger. Sie registrieren zwar brav Ereignisse in eine Richtung (AUS), nicht jedoch in die andere (EIN). Wir probieren alles mögliche: Sensoren näher zusammen, weiter voneinander entfernt, schräg gestellt, horizontal - alles ohne Erfolg. Die Sensoren spielen nicht mit.

Dave, Ursel und drei Freiwillige
Was hilft alles experimentieren - im Feld zählt es, das Beste aus dem zu machen, was man hat. Dann erfahren wir halt nur, wenn ein Vogel Richtung See über die Brücke läuft; entsprechend müssen Waagedaten ohne Lichtschrankenereignis die entgegengesetzte Laufrichtung sein. Es ist schon nach Mittag - also laßt uns das Ding endlich in Betrieb nehmen.

Für die Wägebrücke haben wir uns ein Nadelöhr im Pinguinhighway, nur 30 Meter von der Laborhütte entfernt ausgesucht. Hier watschelt der Großteil der Pinguine unter einem knorrigen Baumstamm hindurch in den Wald hinein. Der Engpass an dieser Stelle ist so schmal, dass es für die Pinguine schwer wird nebeneinander hindurch zuschlüpfen. Also fast perfekt, um die Knilche nacheinander über die Waage trotten zu lassen. Mit Spaten und Axt buddelt Dave ein Karree in den weichen Boden, während Ursel und ich durch intelligentes Platzieren unserer vermummnten Körper den steten Fluss von Pinguinen, um die Baustelle zu leiten versuchen.

Die Brücke im Wald
Nach einer viertel Stunde schweisstreibenden Schlammgewühles, kann Dave das Holzgerüst samt Waage in sein Loch einlassen. Unglaublich hell und sauber sticht das Kiefernholz aus der braunen Erde heraus. Nein, so geht das nicht. Also her mit dem Modder und schön ins Holz massieren. Vorsichtig werden die Computerkabel in der weichen Erde verbuddelt. Wir hatten es uns ja von Anfang an gedacht - die Kabel sind zu kurz, um den Computer in der Laborhütte aufzubauen. Ein Problem, um das wir uns kümmern müssen, sobald hier alles installiert ist.

Während der ganzen Arbeit kommen und gehen Pinguine. Empört blicken sie zu uns herüber, denn unser Geacker zwingt sie einen blöden Umweg durch dichtes Gestrüpp zu machen. Ständig bleibt man irgendwo hängen oder schlingt sich einem eine Wurzel um den Fuß, so daß man sich lang macht! Ehrlich... wieso die behämmerten Verkehrsplaner Baustellen immer während der Hauptverkehrszeit aufstellen lassen!

Die Lichtschrankensensoren sind noch nicht angebracht, aber ansonsten sieht's ganz gut aus. Jetzt lasst uns mal schauen, was die Pinguine zu ihrer neuen Holzrampe sagen. Als gerade eine größere Gruppe vom Wasser her hinaufgelaufen kommt, ziehen wir uns vorsichtig zur Hütte zurück und warten ab.

"Der erste geht drüber... jetzt der zweite..."
Sehr vorsichtig nähert sich die Gruppe von vielleicht 6 oder 7 Vögeln. Sie haben von Weitem beobachtet, wie wir uns - 'völlig unauffällig' - zurückzogen und ahnen, dass da was im Busch ist. Langsam watscheln sie heran, nähern sich dem Nadelöhr. Halten an, blicken sich um, schauen zu uns herüber. Gehen weiter, mal übernimmt der eine Vogel die Führung, mal der andere. Und dann verschwinden sie alle hinter einem Busch und wir sehen nichts mehr. Vorsichtig schleicht sich Dave näher an unsere Brücke heran und bleibt plötzlich stehen.

"Ich kann sie sehen", ruft er. "Sie stehen vor der Brücke. Das ist denen offensichtlich nicht geheuer. Das Holz ist wohl noch zu sau... ha... ja... komm... woo-hoo!... der erste geht drüber... jetzt der zweite... und jetzt... woo-hoo!!!... alle drüber!" - Ursel dreht sich zu mir um, strahlt und sagt: "Es klappt! Es klappt!"

Das Computerzelt - unser EXPED Orion Extrem
Prima! Fragt sich nur was wir jetzt mit dem Rechner machen sollen und ob die Elektronik funktioniert wie sie's soll. Zunächst packen wir den Computer in eine Plastikkiste. Dave bohrt ein paar Löcher in die Wand der Kiste, so dass wir die Kabel durchfädeln können. Doch wasserdicht sieht das alles nicht aus. Abhilfe schafft da das Aussenleben eines unserer Zelte. Mit etwas Improvisationsvermögen stellen wir unser Orion Extrem (gesponsort von EXPED) auf die einzigen freien paar Quadratmeter unweit der Wägebrücke. Weil der Boden alles andere als eben ist, müssen wir zwei der Zeltstangen auf Wasserkanistern und Fischbins (größere Plastikkisten) aufsetzen und mit Seilen irgendwie fixieren. Sieht ziemlich gehudelt aus - doch es hält den Regen von unsere Technik. Die Pinguine scheinen sich nicht sonderlich an dem grünen Zelt zu stoßen. Einzige Sorge die ich habe ist, daß wir unser Cyberzelt vielleicht in die 'Einflugschneise' eines 700 Kilo Seelöwen-Bullen gebaut haben könnten. Die Burschen schlafen ja an den unmöglichsten Stellen auf der Insel - und nutzen folglich auch die unglaublichsten Routen um zu ihren Schlafstätten, zu gelangen.
"Patt-Patt-Patt" - Plattfüße auf Holz

Während wir unsere Kabel sortieren und alles anschließen, wird unsere Wägebrücke heftig genutzt. Kaum eine halbe Stunde nach der Einweihung, ist das Holz von schmutzigen Plattfuß-Abdrücken unserer Pinguine gekennzeichnet. Es wird nicht lange dauern und Dave's Konstruktion wird sich prächtig ins Gesamtbild des Pinguin-Highways eingefügt haben.

Dann, als die Computerverbindung mit der Waage steht, wird's spannend. Gebannt schauen Ursel und ich auf den Bildschirm des Laptops-in-der-Kiste, während Dave die Wägebrücke beobachtet. "Achtung, zwei Pinguine im Anmarsch", brummt er zu uns herüber. "Sie kommen langsam näher. Der erste betritt... nein, doch nicht. Er steht vor der Waage und putzt sich. Ha! Der zweite überholt! Was soll das denn? Der erste verhaut den zweiten... will ihn wohl nicht überholen lassen. Na dann geh halt vor, du Blödmann. Da! Jetzt - Nummer eins!" - Im Zelt rauschen die Zahlenkolonnen senkrecht über den Computerbildschirm: "23g - 23g - 450g - 903g - 1500g - 2200g - 2233g - 2245g - 2195g - 2211g..." - "WOO-HOOO!!! Dave, es klappt! Der erste war etwa 2.2 Kilo...!", rufe ich aus dem Zelt. Ursel, die den Einsatz der Wägebrücke angestoßen hat, strahlt neben mir über's ganze Gesicht. Scheint echt zu klappen!

Dave und Ursel erstatten Barney bericht
Es ist schon später Nachmittag als wir endlich auch die Lichtschrankensensoren an der Wägebrücke angebracht haben. Am Computer angeschlossen bestätigt sich dann jedoch, was bei den Trockenübungen am Morgen schon aufgefallen war. Aus irgendeinem Grund erkennen die Sensoren nur Bewegungen in eine Richtung, nämlich in Richtung See. Pinguine die in den Wald hinein über die Brücke laufen, werden von den Sensoren nicht erkannt. Es kann nicht an den Schlauchstücken liegen, die wir als Schlamm- und Streulichtschutz über die Sensorenköpfe gestülpt haben... Aber was soll's? Die Waage arbeitet wie sie es soll, der Lichtschrankenlogger schickt AUS-Ereignisse an den Rechner und dieser schreibt alles synchron in eine Datei. Ein fast vollständiger Erfolg... was für den ersten Feldeinsatz eines so technisch komplexen Systems nahezu grandios ist! Wenn nur der verdammte Trackball am Laptop den Mauszeiger bewegen würde... arggg!

"Titi" - Sooty Shearwater

Mittlerweile rückt die Abenddämmerung näher. Wir müssen uns beeilen um unsere täglichen Nestchecks oben in der Kolonie noch vor der Dunkelheit zu machen. Jeder greift sich seine Ausrüstung - Fernglas, Kolonieskizze und Palm-Computer - und macht sich auf den schlüpfrigen Weg hinauf zur Kolonie. Während wir unsere Nester observieren, beginnt sich der Himmel über der Insel mit Titi (zu deutsch: Dunkelsturmtaucher, Puffinus griseus) zu füllen. Die Vögel brüten zu Hundertausenden, wenn nicht Millionen auf North East Island. Ihre Bauten durchlöchern die gesamte Insel wie einen Schweizer Käse. Läuft man über die Insel, muss man höllisch aufpassen, nicht durch die Decken ihrer Bauten zu krachen - fast jeder Zentimeter des Waldbodens ist von Titi-Bauten unterminiert.

Unser Bestreben ist es, noch bevor es dunkel ist, wieder in der Hütte zu sein. Und zwar aus zwei Gründen. Erstens ist man im Wald seines Lebens nicht mehr sicher, wenn die Titi mit angelegten Flügeln durch das Walddach krachen und manchmal mit der Wucht einer Cruise Missle auf dem Waldboden aufschlagen. Und zweitens kann man mit fortgeschrittener Dunkelheit keinen Fuss mehr vor den anderen setzen, ohne auf dem Boden hockende Titis zu trampeln.

 

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Letze Änderung: 29.11.2003